Die RT 125/1 wird restauriert

Der letzte Beitrag zur RT endete damit, dass ich sie quasi bis zur letzten Schraube zerlegt hatte. Es wird Zeit, sie wieder zusammenzubauen!

Dieser Beitrag soll keine Anleitung sein, deshalb werde ich auch nicht auf technische Details eingehen. Stattdessen will ich einfach ein bisschen den Prozess zeigen, Probleme benennen etc.


Rahmen und Fahrwerk

Rahmen und Lackteile konnten wir leider nicht im Originalzustand erhalten, da der Vorbesitzer sie mattschwarz angesprüht hatte. Deshalb habe ich die Teile alle Strahlen und Pulvern lassen. Die Farbe (“Telegrau 4”) orientiert sich am originalen Grau. Leider gab es beim Einbrennen der Farbe Probeme: Der Rahmen ist nicht verschweißt, sondern besteht aus Rohrstücken, die in Muffen gesteckt und verlötet wurden. Dort befinden sich zwangsläufig Ritzen, Spalten und Hohlräume, in denen sich über die Jahrzehnte Fett und Ölschmodder gesammelt hat. Das gleiche gilt für die Kotflügel mit ihren Bördelkanten, für den Tank mit seinem Tankstutzen etc. Beim Einbrennen der Pulverbeschichtung sind diese Fettreste geschmolzen und ausgelaufen. Kotflügel und Tank mussten deshalb erneut gestrahlt und gepulvert werden. Ärgerlich, aber bei so einem alten Fahrzeug kann sowas einfach passieren.

Kotflügel RT 125/1

Trotz gründlicher Reinigung saß altes Fett in der Bördelkante vom Kotflügel.

Der Zusammenbau der ersten Rahmenteile verlief dann relativ einfach. Für die leicht untermaßigen Lenkkopflager habe ich zwar eine Weile gebraucht, aber Ständer, Sitze, Bremshebel und Fußrasten stellten keine Probleme dar.

Wobei: Den Soziussattel und seine Federung habe ich mehrfach zerlegt und neu zusammengebaut, bis ich mir sicher war, welche Reihenfolge die richtige ist.


Bremsen und Räder

Da es keine neuen Bremsbeläge zu kaufen gibt, habe ich mich an den Nachfolger von Herrn Hanstein gewandt und die alten Bremsbacken aufarbeiten und neu belegen lassen. Herr Theka hat ebenfalls super Arbeit geleistet und das auch zu verblüffend fairen Preisen! Danke dafür. 😉 Hier die zusammengebauten Bremsen:

Bei den Rädern musste ich hingegen länger kämpfen. Man benötigt 3 verschieden lange Speichensorten. Eine Länge jeweils für die linke Seite und die anderen beiden für die Bremsenseite vorne bzw. hinten. Das hintere Rad war relativ flott eingespeicht, nur vorne hat es einfach nicht hingehauen. Bis ich irgendwann begriffen habe, dass es einen Unterschied macht, welche Speichen man in den Löchern auf der Bremseiten nach vorne bzw. nach hinten zeigen lässt. Also im Prinzip, wie die Speichen auf der linken Seite zu denen auf der rechten Seite stehen. Ist ein bisschen schwierig zu erklären, denn am eigentlichen Winkel der Speichen ändert das nichts. Nur am “Versatz” zueinander.

Irgendwas stimmt noch nicht.

Jetzt passt’s!

Dazu kam das Problem, dass mir Ost2Rad fehlerhafte Speichennippel geschickt hat. Manche waren etwas größer und hatten ein minimal zu großes Gewinde. Auf einigen Speichen hielten sie problemlos, auf anderen drehten sie beim Festziehen durch, über wieder andere rutschten sie einfach drüber. Da war auch kein System erkennbar. Netterweise hat man mir als Ersatz nochmal alle Nippel neu geschickt und damit hat es dann wunderbar funktioniert.

Beim Aufziehen der Reifen haben ich dann auch viel geflucht, weil mein Reifenmontagegerät für die eigentlich zu klein ist und ich auch große Angst um die nagelneuen Felgen hatte. Deshalb habe ich die Räder auf dem Gerät nur eingespannt und die Reifen von Hand draufgehebelt. Dabei habe ich natürlich einen Schlauch beschädigt. 🙁 Beim zweiten Versuch ging es dann. Lehrgeld.


Fahrwerk und Federung

Die RT ist komplett gefedert, aber eher rudimentär: Hinten arbeitet eine Geradewegfederung mit sehr geringem Federweg, vorne eine ungedämpfte Federgabel, die nur mit Fett geschmiert wird. Es hat schon seinen Grund, dass die Ingenieure zusätzlich die beiden Sättel mit einer großzügigen Federung versehen haben. 😉

Die hinteren Federelemente habe ich nur zerlegt, gründlich gereinigt, neu geschmiert und wieder eingebaut. Abgesehen vom pickeligen Chrom sah da noch alles super aus. Und der Chrom ist nur ein kosmetisches Problem.

Die Federbeine vorne habe ich ebenfalls zerlegt und gründlich gereinigt. Auch hier sah eigentlich alles ganz gut aus. Ich habe trotzdem neue Gleitbuchsen eingebaut, weil mir erzählt wurde, dass die alten gerne spröde werden und brechen. Und soooo teuer waren sie nun auch nicht, also habe ich sie getauscht. Die rissigen Faltenbälge habe ich ebenfalls ersetzt. Und zwar durch welche mit weniger “Rippen”, weil das die korrekten Bälge bei diesem Baujahr sind.


Elektrik und Beleuchtung

Mit Fahrwerk und Rädern sah es schon fast aus wie ein richtiges Moped. Also habe ich noch schnell den Scheinwerfer montiert und alle Kabel angeklemmt.

Wie viel man dabei falsch machen kann, habe ich in den nächsten Stunden gelernt. Allein das Kabel zum Rücklicht und zur Bremsschalter kann man auf 3 Arten verlegen. Ich habe alle 3 ausprobiert, bis ich endlich die richtige hatte. 😉 Und das war nicht das einzige, was ich mehrfach wieder ausbauen und anders anklemmen musste.

Die originale Elektrik finde ich übrigens echt genial: Alles befindet sich im Spulenkasten. Und zwar wirklich alles: Die Zündspule, der Regler, das Zündschloss und sogar die ganzen Kabelanschlüsse.

Eine farbige Erklärung im Deckel vervollständigt das Elektrik-Komplettpaket, einschließlich Erläuterung der Funktion des Zündschlosses und der Schalterstellungen:

Das Zündschloss hat anfangs für einige Probleme gesorgt. Ich habe es also auch zerlegt und gereinigt. Hier die erstaunlich rustikale “Schaltwalze”, die mittels Zündschlüssel gedreht wird und dann den Kontakt zwischen den verschiedenen Bauteilen herstellt.

Damit habe ich das Thema Elektrik erstmal pausiert. Da ich die Regenerierung des Motors einem Profi überlasse (Danke Jürgen) und im Anschluss eine elektronische Vape-Lichtmaschine einbauen will, steht dann noch etwas Arbeit an.


Linierung

Ursprünglich war das Motorrad grau lackiert mit blauen Zierlinien. Ob ich die Farben wirklich originalgetreu getroffen habe, weiß ich nicht. Der alte Lack war verblichen und durch das Überlackieren und Abwaschen mit Aceton stark verfärbt. Deshalb konnte man es schlecht erkennen. Außerdem gibt es Linierfarbe nur in erstaunlich wenig Farbtönen. Grob sollte es aber stimmen und sieht meines Erachtens auch gut aus.

Vor dem Linieren hatte ich wirklich großen Respekt, schließlich ist das eine Wissenschaft für sich. Ich habe mir einen teuren Pinsel (“Schwertschlepper”) von Mack gekauft und dazu ebenfalls teure Linierfarbe von 1Shot. Dann habe ich mich mit Verdünner und vielen Tüchern zum “Abwischen” bewaffnet und einfach losgelegt.  
Prinzipiell war es gar nicht so schwer wie befürchtet. Prinzipiell. Denn der Teufel steckt im Detail: Die angenieteten Halter an den Koflügeln machen es unmöglich, mit der Hand sauber am Rand entlangzufahren. Und die Nieten verhindern einen durchgehenden Strich. Man muss zwangsläufig an jeder einzelnen ab- und neu ansetzen, was bei so einem langen Pinsel wahnsinnig schwer ist.

Und auch Sicken und Wölbungen wie am Werkzeugfach sind wirklich fies, weil sich der Pinsel mal an die Kontur anlegt und mal nicht. Dadurch wechselt die Strichstärke ständig zwischen dünn und dick.Am Tank kam hinzu, dass ich dort nichts hatte, woran ich mich orientieren konnte. Den genauen Verlauf der Linie auf beiden Seiten annähernd gleich hinzubekommen war schon beim Vorzeichnen eine Herausforderung.

Manche Linienstücke haben beim erstem Mal “gesessen”, andere habe ich bestimmt 10 oder 15 Mal mit Verdünner weggewischt und komplett neu gezeichnet. Dazu kam, dass ich die Farbe immer erst mehrere Tage trocknen lassen musste, bevor ich auf der anderen Seite weitermachen konnte. Die ganze Linieraktion hat deshalb fast 2 Wochen gedauert.

Ich habe übrigens alles wirklich komplett frei Hand gezeichnet! Nur die unteren Striche am Tank habe ich mit Malerkrepp abgeklebt, um sie gerade und gleichmäßig dick hinzubekommen.

Mit dem Ergebnis bin ich nicht 100%ig zufrieden. Wenn man genau hinschaut, erkennt man schon ein paar unsaubere Stellen. Aber: Wie oft schaut man wirklich ganz genau hin? Aus einem Meter Entfernung ist das Ergebnis völlig okay.

Meine neuen Mottos sind übrigens: Nicht gut. Aber gut genug. und: Schlecht gemacht ist immer noch besser als gar nicht gemacht. 😉

Noch ein Detail am Rande: Beim Sichten von unendlich vielen RT-Fotos ist mir aufgefallen, dass die Linierung wohl ab Werk schon sehr unterschiedlich war. Die Strichstärken schwanken zwischen ca. 2 und 4 mm, die Abstände zum Kotflügelrand zwischen wenigen Millimetern und deutlich über einem Centimeter. Kam sicher ganz darauf an, wer gerade Schicht hatte. Ich finde das sehr sympathisch, weil man daran erkennt, dass bei diesen Motorrädern noch viel Handarbeit im Spiel war.

Nachdem der Lack getrocknet war, konnte ich das Motorradpuzzle weiter zusammensetzen:

Auf den Fotos sieht man noch zwei Details: Den Auspuff und den Gepäckträger.


Der Auspuff

Der Auspuff ist technisch noch völlig okay, hat keinen schlimmen Rost und nur wenige Dellen. Leider fehlte der Chrom im mittleren Bereich nahezu komplett. Nicht schön. Was tun? Einen neuen kaufen? Wäre teuer und ob der neue was taugt ist ungewiss. Eine “Bauchbinde” aus Edelstahl rumwickeln? Möglich, aber aufwändig.

Ich hab deshalb die “Quick and dirty”-Methode gewählt und den Teil mit schwarzem Ofenlack angesprüht. Das sieht ganz okay aus und schützt vor weiterem Rost. Eine Edelstahlverkleidung kann man später immer noch anbringen. Oder halt einen neuen kaufen.


Der Gepäckträger

Der Träger ist ein Kuriosum. Ab Werk hatte die RT keinen und ob es den so im Zubehörhandel gab, erscheint mir fraglich. Auf den ersten Blick sieht er sehr professionell gemacht aus. Im Detail zeigen sich aber doch einige Mängel in der Verarbeitung.

Der aufgeklappte Träger mit eingeklappten Seitenteilen …

Was aber nichts daran ändert, dass gerade die Ausklappfunktion wirklich pfiffig und durchdacht ist. Wie sinnvoll sie im Alltag ist, steht auf einem anderen Blatt: Wirklich belastbar sind die “Flügel” nicht und lassen sich auch nicht arretieren. Ob sie beim Transport langer Gegenstände einen echten Zusatznutzen haben? Fraglich. Originell und schön gemacht ist es trotzdem

… und mit aufgeklappten “Flügeln”

Ich vermute deshalb, dass es sich um den Eigenbau eines durchaus erfahrenen Bastlers handelt. Vielleicht auch ein Stück aus einer Lehrwerkstatt oder so.

So sah der Gepäckträger vorher aus: Verbogen und teilweise gebrochen.

Ich habe den Träger zurechtgebogen und wo nötig geschweißt. Da an verschiedenen Stellen Metall auf Metall reibt, wäre eine Beschichtung oder teure Lackierung nicht sinnvoll gewesen. Ich habe ihn deshalb nur mit schwarzer Rostschutzfarbe angepinselt.


Der aktuelle Stand

Das Motorrad steht auf eigenen Rädern, rollt, bremst und leuchtet sogar schon!

Wie man sieht, ist das Ergebnis etwas “durchwachsen”. Einerseits neuer, glänzender Lack und Chrom, andererseits alte Gummis und Chromteile mit Rost und Pickeln. Das muss man nicht schön finden.

Aber es ist ein pragmatischer Kompromiss. In dem Projekt steckt jetzt schon so viel Geld, so viel ist die RT eigentlich gar nicht wert. (Von der ganzen Zeit, die ich investiert habe, ganz zu schweigen.)

Natürlich wäre es schöner, jetzt auch noch die Chromhülsen an den hinteren Dämpfern zu erneuern. Die pickeligen Gabelholme vorne. Den Lenker und seine Halter. Den Lampenring. Die Satteldecken. Den Auspuff. Und so weiter. Aber dann würden nochmal 1000 oder 2000 Euro in dem Moped versinken, ohne dass es dadurch wirklich “besser” werden würde.

Deshalb haben wir an diesem Punkt die Reißleine gezogen. Alles, was wirklich hässlich war, ist wieder hübsch. Alles was kaputt oder verschlissen war, geht wieder. Und das, was jetzt noch “unansehnlich” ist, kann bei Bedarf auch später noch ausgetauscht werden. Wenn man denn unbedingt will.


Was fehlt noch?

Es fehlen “nur” noch der Motor und die Zündelektrik. Dazu in Kürze mehr. 🙂

 

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