Kindersitz am Motorrad

Ein Gespann ist die ideale Lösung, um Motorradbegeisterung und Familie zu verbinden. Da kann man auch kleine Kinder ganz unkompliziert und relativ sicher mitnehmen. Aber was macht man, wenn man zwei Kinder transportieren will?

Mein „Großer“ ist mit seinen 5 Jahren schon ein erfahrener Sozius. Seit 2 Jahren fahre ich ihn mit dem Gespann in den Kindergarten – zumindest bei trockenem und nicht zu kaltem Wetter. Das sorgt immer für viele neugierige und begeisterte Blicke – bei Kindern wie Vätern gleichermaßen. Und auch mehrstündige Touren sind kein Problem: Zu sehen gibt es immer genug und wenn es ihm doch zu langweilig wird, kann er eine Runde schlafen.

Um ihn sicher transportieren zu können, habe ich einen Dreipunktgurt nachgerüstet. Der verhindert zuverlässig, dass er im Beiwagen rumrutscht oder -turnt. Anfangs saß er noch im Kindersitz, mittlerweile geht es ohne.

Hier bei der allerersten Probefahrt um den Block, testweise mit Fahrradhelm: file

Motorradhelm für Kinder?

Das Thema Helm hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Helme in Kindergrößen bzw. XS sind relativ teuer, was umso ärgerlicher ist, weil die Kinder schnell rauswachsen. Das ist aber noch das geringste Problem. Viel schlimmer finde ich, dass die Helme kaum leichter sind als die für Erwachsene. 1,5 kg sind keine Seltenheit. Jetzt stelle man sich den dünnen Hals eines drei- oder vierjähriges Kindes vor. Der ist schon völlig damit ausgelastet, den Kopf aufrecht zu halten. Wenn ich da noch einen schweren Helm draufsetze, ist die Belastungsgrenze überschritten. Ich will nicht wissen, was bei einer Vollbremsung oder einem Unfall passieren kann. Am Ende bricht sich das Kind das Genick, nur weil es den schweren Helm nicht abfangen kann.

Angeblich ist es möglich, Kinder in Gespannen von der Helmpflicht befreien zu lassen. Zumindest dann, wenn der Beiwagen geschlossen ist oder über einen Überrollbügel verfügt. Das wollte ich aber nicht, da der Helm auch vor umherfliegenden Steinchen, Insekten, Wind und Kälte schützt.

Ich habe mich deshalb für einen Skihelm entschieden. Der ist sehr leicht, lässt sich durch wechselbare Polster an verschiedene Kopfgrößen anpassen, lässt sich mit einer Skibrille kombinieren und schützt ausreichend vor Wind und Wetter. Und wenn es kalt ist, passt auch problemlos eine dünne Mütze drunter.

Rechtlich ist das natürlich eine Grauzone. Es gibt in Deutschland zwar die ECE-22-Norm, nach der Helme geprüft werden. Es gibt aber kein Gesetz, dass festlegt, dass nur solche Helme genutzt werden dürfen. Ganz im Gegenteil, es dürfen explizit alle Helme verwendet werden, die ihrer Bauart nach die Funktion eines Motorradschutzhelmes haben. Es geht also um die Frage: Bietet ein Skihelm im Beiwagen (!) ausreichende Sicherheit? Ich denke schon. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass ein schlechtgelaunter Polizist das anders sieht. Bislang hatte ich jedenfalls noch keine Probleme.

Schutzkleidung

Bei der Schutzkleidung halte ich es bisher auch so: Mein Sohn trägt keine „richtigen“ Motorradklamotten, sondern normale Sachen, die ausreichend warm und winddicht sind. Dicke Lederklamotten, die ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränken würden, wären im Beiwagen Quatsch, da das Risiko rauszufallen und über den Asphalt zu rutschen extrem gering ist.

Nächstes Jahr wird das aber anders aussehen, da wir noch einen Sohn bekommen haben, der dann den Platz im Beiwagen nutzen soll. Sohn Nummer eins darf dann hinter mir auf dem Motorrad sitzen. Spätestens dann braucht er natürlich auch vernünftige Schutzkleidung und einen richtigen Helm.

Ein Kindersitz muss her

Jetzt kommt auch der Kindersitz für’s Motorrad ins Spiel. Denn ganz ohne Sitz, einfach so auf der Sitzbank, hätte ich kein gutes Gefühl. Zu groß wäre das Risiko, dass er bei Fahrmanövern oder einfach aus Unachtsamtkeit vom Motorrad rutscht.

Solche Kindersitze gibt es meines Wissens nur von einer Firma: Stamatakis, witzigerweise ebenfalls in Würzburg ansässig. Die kosten normalerweise deutlich über 150 Euro, ich habe einen gebrauchten für 70 Euro bekommen.

Der Sitz selbst besteht aus aufgeschäumten Kunststoff und mehreren Spannriemen. Für die Füße gibt es zusätzlich einen Gurt mit Schlaufen.

Der Sitz soll für Kinder von 14 bis 30 kg passen. Mein Sohn wiegt etwa 20 kg und ist sehr schlank, sitzt aber trotzdem sehr stramm drin. Ich denke, dass das besser ist, als wenn er herumrutschen könnte. Aber ob er auch mit 30 kg noch reinpasst, erscheint mir fraglich.

Befestigung

Der Sitz passt nahezu perfekt auf die Sitzbank meines MZ ES 250/2-Gespannes. Ein Halteriemen kommt unter der Bank durch, einer vorne rum, die beiden hinteren werden am Heck befestigt.

In meinem Fall funktioniert das leider nicht perfekt. Der unter der Sitzbank läuft genau da entlang, wo die Sitzbank auf dem Rahmen aufliegt. Ich musste den Riemen deshalb etwas zur Seite ziehen. Der lange Gurt passt sehr gut, die hinteren beiden sind etwas zu kurz. Da werde ich mir noch etwas basteln.

5-5-2015-12-04 13.12.03Wenn alles festgezogen ist, sitzt der Kindersitz wirklich sehr fest auf der Sitzbank. Da muss man sich keine Sorgen machen, dass er abrutschen oder runterfallen könnte.

Fußrasten statt Fußgurt

Nur der Fußgurt ist aus meiner Sicht eine Fehlkonstruktion. Der baumelt lose in der Gegend rum und bietet kaum Halt. Das Rein und Raus stelle ich mir auch unnötig kompliziert vor und ich hätte Angst, dass das Kind beim Absteigen darin hängenbleibt. Das ist nur eine Notlösung, um den Segen des Gesetzgebers zu bekommen. Ich habe gehört, dass viele Nutzer den Riemen deshalb einfach weglassen.

Ich wollte lieber richtige Fußrasten für meinen Sohn, damit er sich vernünftig abstützen und auch einfach auf- und absteigen kann. Ich denke, dass die Rasten am Gespann wichtiger als an einer Solomaschine sind. Bei einer Solomaschine wirken die meisten Zentrifugal-Kräfte nur von oben, weil sich die Maschine in die Kurve legt und das Kind dabei in den Sitz gepresst wird. Beim Gespann wirken in Kurven aber auch starke seitliche Kräfte. Da kann zusätzlicher Halt nicht schaden.

Eigentlich wollte ich mir MZ-Rasten an einen Halter schweißen und diesen dann an den Seitenträgern anschrauben. Dann wurde ich auf sogenannte „Fußruhen“ aufmerksam gemacht. Die werden normalerweise am Fahrrad vorne an der Gabel montiert, wenn ein Kind vor dem Fahrradfahrer sitzt. Da solche Kindersitze am Fahrrad heute gar nicht mehr erlaubt sind, gibt es sie nur noch selten.

2-2-2015-12-04 11.28.45Im Prinzip funktionieren die wie Soziusfußrasten am Motorrad. Sie lassen sich hochklappen und haben einen Gummiüberzug um sicheren Halt zu bieten. Und sie passen perfekt an die 16 mm-Rohre meines Seitenträger. (Übrigens haben die Kofferträger an meiner Bandit den gleichen Durchmesser. Da kann ich sie später also auch verwenden.)

3-3-2015-12-04 11.29.51Einziger Nachteil: Durch den Klappmechanismus sind sie sehr lang. Zusammen mit dem Abstand des Seitenträgers sind sie damit ca. 15 cm von der Sitzbank entfernt. Mein Sohn sitzt also ziemlich breitbeinig.

4-4-2015-12-04 13.06.38Aber das muss ich erst noch richtig testen. Vielleicht ist das gar kein Problem. Außerdem muss er ja ohnehin sehr breitbeinig sitzen, da ich vor ihm sitze.

9-9-2015-12-04 13.17.11Ich habe noch keine Probefahrt machen können. Zumal ich noch ein paar Details verbessern möchte. Aber bislang finde ich den Sitz sehr überzeugend. Ich werde berichten, sobald ich ein bisschen Erfahrung damit sammeln konnte.

Nachtrag 16.06.2016

Ich wollte meinen Sohn nicht einfach dazu zwingen, den Motorradkindersitz zu benutzen. Das würde ohnehin nicht funktionieren. Stattdessen habe ich es ihm immer mal wieder angeboten. Gestern hat er dann das erste Mal gesagt, dass er es gerne probieren würde. Also haben wir gemeinsam den Sitz angebaut und testweise in der Garage eine „Trockenübung“ gemacht.

Motorradkindersitz Kindersitz StamatakisHeute ging es dann mit dem Kindersitz zum Kindergarten. Und es war ein voller Erfolg! Mein Sohn war total begeistert und ich musste ihn immer wieder daran erinnern, sich ordentlich festzuhalten. Für mich war es sehr eigenartig. Ich bin es gewöhnt, dass ein Sozius direkten Körperkontakt zu mir hat und ich somit immer spüre, wie er sitzt. Der Kindersitz befindet sich aber so weit hinten, dass eine Lücke zwischen uns ist. Ich habe mich deshalb immer umgedreht und geprüft, ob alles passt. Da muss ich mich noch dran gewöhnen und bis dahin sehr vorsichtig fahren.

Der nächste Schritt wird sein, den Kindersitz auf eines der anderen Motorräder zu bauen. Aber erst, sobald mein Sohn dazu bereit ist.

 

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