Der Traktor wird zerlegt

Eigentlich war mein Plan, nur die nötigsten Anbauteile zu demontieren, dann alles gründlich zu reinigen, ein bisschen Farbe draufzupinseln und alles wieder zum Laufen zu bringen. Tja, ganz so klappt es leider doch nicht.

Denn wie so oft lief es auch diesmal beim Zerlegen so, dass sich einfach nie ein Zustand eingestellt hat, bei dem ich gesagt hätte “Ja, das reicht. Der Rest kann so bleiben.” Stattdessen dachte ich immer: “Na toll, dann kann ich eigentlich gleich weitermachen.”

Eigenbautraktor EMW

So fing es an: Der Traktor lief prinzipiell, war aber reichlich verlebt.

Nicht, weil so schlimme Schäden aufgetaucht wären. Die Substanz ist im Großen und Ganzen tadellos. Sondern weil Dreck, Öl und auch Rost 55 Jahre Zeit hatten, bis in die letzte Pore zu kriechen. Und sie haben diese Zeit genutzt! Deshalb war es einfach das Beste, alles bis auf die letzte Schraube zu zerlegen. Dann kann ich auch gleich die Bremsen komplett restaurieren, dem Differential einen vernünftigen Ölwechsel verpassen, alle Rahmenteile richtig gründlich entrosten und neu lackieren, alle Schrauben ersetzen etc.

Auch wenn es hier und da vielleicht nicht unbedingt nötig wäre, ist es einfach ein gutes Gefühl, mal jedes Teil von allen Seiten gesehen zu haben.

Kotflügel, Sitz, Tank und viele Anbauteile sind bereits ab.

Und während ich ein Teil nach dem anderen abgeschraubt habe, und dabei eine “rote Linie” nach der anderen überschritten habe (Der Antriebsstrang bleibt aber komplett dran! Naja, dann bleibt aber wenigstens der Motor drin. Okay, Motor raus, aber zerlegt wird er wirklich nicht!), fielen auch noch ein paar andere Entscheidungen. Zum Beispiel, dass ich den Mähbalken mit seinem Antrieb, seinen verschiedenen Abstützungen, Hebeleien und Haltern restlos abbaue. Den werde ich auf absehbare Zeit ohnehin nicht nutzen. Ich habe ihn aber natürlich komplett gelassen und auch alles gut dokumentiert. Ich kann ihn also problemlos wieder anbauen.

Ein “Rolling Chassis”, mehr ist nicht übrig.


Es war nicht alles gut früher

Ein paar technische Verbesserungen bzw. Vereinfachungen will ich bei der Restaurierung auch vornehmen: So wird die Kupplung aktuell über ein langes und kompliziertes Gestänge mit Welle und mehreren Hebeln betätigt. Das ist schwer, fehleranfällig, muss regelmäßig abgeschmiert werden und ist einfach unnötig. Viel einfacher wäre es, den originalen EMW-Bowdenzug zu nutzen und mittels Pedal zu betätigen. Das habe ich mir genauso vorgenommen wie eine Neustrukturierung der Elektrik in einem geschlossenen Gehäuse. Und der Ballast wird etwas nach vorne gerückt, damit sich das Schiebeschild so montieren lässt, dass es nicht gegen den “Kühlergrill” drückt.

Auch irgendwie Verbesserungen sind die geplanten Blinker (bislang hat er keine, nur einen Regulierstab! 😉 ) und eine “richtige” Steckdose für die Anhängerkupplung, damit man auch mal einen Anhänger ziehen kann. (Was natürlich nur eingeschränkt möglich ist, weil die Zugmaschine 6V hat.) Im Zuge der verbesserten Elektrik soll er auch einen Sicherungskasten bekommen, bislang fährt er komplett “ungesichert”.

Fertig! So sieht der aktuelle Stand aus.

Und auch optisch will ich Details ändern: Die Scheinwerfer sollen etwas weiter runter und näher zusammen, das sieht einfach “niedlicher” aus. Dazu will ich die Halter von Scheinwerfer und Hupe etwas schöner gestalten. Den Kühlergrill fertige ich ebenfalls neu an; statt des durchgerosteten Ofengitters will ich mir eines aus senkrecht stehenden Rundstählen schweißen. Da kann das EMW-Logo dann oben in der Mitte platziert werden. Und ganz wichtig: Statt des unter dem Sitz versteckten Auspuffs kommt ein senkrecht stehender neben den Motor. Da der originale Krümmer ohnehin total verrostet und undicht ist, wird dazu passend ein neuer aus Edelstahl angefertigt.

Der Gummi vom Lenkrad ist nicht nur rissig, sondern hat daumendicke “Spalten”. Mal sehen, ob ich die sauber gefüllt bekomme – oder ob ich den Gummi komplett entferne. Am Ende soll das Lenkrad mit einem Juteseil umwickelt werden.

Mir schwebt auch ein bisschen Stauraum vor: Eine Kiste für Bordwerkzeug und anderen Kleinkram, einen Halter für einen Ersatzkanister, evtl. ein “Notsitz” auf dem rechten Kotflügel, Haltegriffe und Trittstufen, etc.

Und dann habe ich noch ein paar Spielereien im Hinterkopf: Ein klassisches Fernthermometer zum Ablesen der Öltemperatur wäre nett. Mehr als nur nett wäre es, die Bremsen in den Vorderrädern zu reaktivieren, auch wenn die bei 6 km/h nicht wirklich nötig sind. Ein flexibel einsetzbarer Arbeitsscheinwerfer wäre auch nett. Und und und.


Bastelbude oder Ingenieurskunst?

Beim Zerlegen sind mir viele geniale und/oder kreative Lösungen aufgefallen. Zum Beispiel wurde der abgebrochene Flügel vom gegossenen Lüfterrad kurzerhand durch einen aus Blech ersetzt.

Warum ein Lüfterrad wegschmeißen, wenn man es noch reparieren kann?

Und auch in der gekürzten Hinterachse steckt einiges an handwerklichem Geschick:

Die Hinterachse wurde beidseits gekürzt, wie man an den Schweißnähten sieht.

Aber auch der eine oder andere “Pfusch”, der möglicherweise dem damaligen Mangel geschuldet war. Der “Haltepilz” für den Gaszug im Vergaserschieber ist verlorengegangen? Dann löten wir halt einen Nippel drauf, der so groß ist, dass er hält. Auch wenn das bedeutet, dass man ihn zum Zerlegen abschneiden muss. Die Halteklammer vom Schwimmer fehlt? Dann klemmen wir ihn auf der Nadel fest. Solche Lösungen finden sich an vielen Stellen.

Hier in der Vertiefung fehlt der Halter für den Gaszug. Ein übergroßer Lötnippel erfüllt den Zweck fast genauso gut.

Auch die Verschraubungen am Rahmen (von denen es viele gibt) waren beim Zerlegen ein dauerhaftes Ärgernis. Die Löcher sind alle exakt so groß wie die Schrauben, nicht ein Zehntel größer. In Kombination mit Rost und Dreck bedeutet das eine elende Fummelei. Noch dazu sitzen fast alle Rahmenschrauben so nah am Rahmen, dass man mit einem Ringschlüssel oder einer Nuss nicht drüberkommt. Was hab ich geflucht!

Das Röhrchen im Schwimmer war zusammengedrückt, damit er fest auf der Nadel sitzt. Ich habe ihn gelöst und aus einem Splint eine passende Feder gebogen.


Vorkriegstechnik

Dazu kamen all die kleinen Überraschungen, die der Motor für mich bereithielt. Er stammt konstruktiv aus den 30ern und hat entsprechend einige Funktionen und Teile, die ich so gar nicht kenne. Zum Beispiel den Nassluftfilter, der im Prinzip nur aus einem ölbenetzten Metallgitter besteht. Mir war das Konzept etwas suspekt, weshalb ich ihn durch einen “normalen” Luftfilter ersetzen wollte. Ich hab dann aber gelesen, dass der Vergaser damit deutlich schwerer “atmen” kann und neu bedüst werden muss. Warum ohne Not so ein Fass aufmachen? Also bleibt es beim originalen LuFi.

Den Nassluftfilter habe ich gründlich gereinigt und neu eingeölt.

Oder die Zündverstellung. Der Unterbrecher sitzt in einer kleinen Dose vor dem Motor. Zur Verstellung wird einfach die gesamte Dose mittels Bowdenzug hin- und hergedreht. Genial! Oder der Tupfer, mit dem man beim Kaltstart die Schwimmerkammer flutet.

Die Zündzeitpunktverstellung ist so einfach wie genial.

Der Motor selbst ist unglaublich dreckig, macht ansonsten aber einen guten Eindruck. Eigentlich will ich ihn nur reinigen, nach den Ventilen schauen ihn und dann wieder so einbauen. Schöne Details: Das ins Motorgehäuse integrierte Werkzeugfach und der Batteriehalter:

Der EMW R35-Motor: Einzylinder-Viertakter mit 340 Kubik und 14 PS.


Ein wahrer Thron!

Im Vergleich zu dem urigen Motor wirkt der Traktorsitz fast zu modern. Er stammt wohl aus einem Multicar oder W50 und bietet erstaunlich viel Komfort: Er kann nicht nur vor- und zurückgeschoben und die Lehne im Winkel angepasst werden. Er ist auch noch gefedert und gedämpft. Und zu allem Überfluss kann die Federung auch noch eingestellt werden! Zumindest konnte sie das theoretisch. Praktisch war alles festgegammelt, der Sitzbezug kaputt und ein Teil der Federung sogar gebrochen. Ich habe alles zerlegt, repariert und gangbar gemacht.

Das Untergestell des Sitzes.

Danach alles lackiert, zusammengebaut und einen neuen Bezug angebracht. Der sitzt zwar an der Lehne ziemlich lose, aber es ist ja “nur” ein Nutzfahrzeug. Da zählt die Funktion mehr als die Optik. Und funktionieren tut der Sitz wieder tadellos!

Der Bezug der Lehne sieht ein bisschen lumpig aus. Ansonsten gibt es nichts auszusetzen.


Neue Schlappen

Neue Reifen stehen übrigens auch schon bereit. Aktuell sind auf den Hinterrädern zwei komplett unterschiedliche Reifen aufgezogen, ein Straßenreifen und einer mit gröberem Profil. (Wir hatten ja nüschd!) Ich will welche mit grobem Ackerschollen-Profil benutzen. Sieht geiler aus und bietet abseits der Straßen mehr Grip. Vorne kommen natürlich auch neue AS-Reifen drauf.


Wie geht es weiter?

Nachdem fast alles zerlegt ist, steht erstmal das Reinigen auf dem Programm: Den Rahmen will ich sandstrahlen lassen, den Rest nur von Hand abbürsten und putzen. Dann kommt mattschwarze Rostschutzfarbe drauf. Dann Vorderachse, Lenkung, Differential und Räder restaurieren, um wieder ein “Rolling Chassis” zu bekommen. Und dann die “Kleinigkeiten” wie Motor, Getriebe, Elektrik, Sitz, Krümmer und Auspuff, Tank, Kupplung … Mal sehen, ob mein Plan diesmal aufgeht.

 

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3 Gedanken zu „Der Traktor wird zerlegt

  1. Hallo, ich bin nun schon eine ganze Weile Fan deiner Seite/n und freue mich immer wieder wenn es etwas Neues bei dir gibt. Nicht nur, dass du eine tolle Art hast zu schreiben, auch finde ich die unterschiedlichen Projekte und Berichte sehr interessant. Herrlich wie du an dein neues Projekt heran gehst und alles im Laufe der Zeit über den Haufen schmeißt um deinen Vorstellungen und Ansprüchen gerecht zu werden. Bitte mach weiter!
    In freudiger Erwartung
    Torsten aus Berlin

  2. Was für ein toller Bericht zu deinem Traktor!
    Wie immer sehr gut geschrieben. Kann absolut nachvollziehen von wegen “das kann so bleiben und wird nicht zerlegt” und dann macht man es trotzdem… ging mir an meinem Jawa Gespann nicht anders 🙂

    Mit vielen Grüßen Aus Österreich
    und mach so weiter!
    Matthias

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