Vollgas-Fest

Nachdem ich dieses Jahr coronabedingt noch keine Festivals oder Motorradtreffen besuchen konnte, habe ich mich ganz spontan auf den Weg zum Emmenrausch 2020 gemacht – und habe es nicht bereut!

Emmenrausch – seit 19 Jahren das MZ- und Simsontreffen

Ich weiß selbst nicht, warum ich den Emmenrausch nie richtig auf dem Schirm hatte. Weil ich immer genug andere Treffen im Kalender hatte? Weil es sich öfters mit dem Glemseck 101 überschnitten hat? Weil es den Ruf hat, ein bisschen „krawalliger“ zu sein als andere Treffen? Weil es mir immer ein bisschen zu weit weg war? Wahrscheinlich alles ein bisschen.

2020 ist aber vieles anders als früher. Erst eine Woche vorher tauchte es plötzlich auf meinem Radar auf und mir war klar: Wenn ich dieses Jahr noch sowas wie ein Festival/Motorradtreffen besuchen will, dann ist das meine einzige Chance. Also Wochenendticket kaufen und los!


Die Anreise: kurz und schmerzhaft

Von Würzburg bis an den Kelbra Stausee sind es knapp 300 km über die Autobahn bzw. 250 km über die Landstraße. Also eine Tagestour mit dem Gespann über Nebenstrecken? Oder doch lieber in knapp 3 Stunden mit dem Racer über die Bahn knallen? Aus Zeitgründen entschied ich mich für Letzteres. Der Racer ist zwar erwiesenermaßen kein Reisemotorrad, aber Minimalgepäck bekomme ich schon irgendwie unter und 300 km sollten (unter Schmerzen) zu schaffen sein.

Das Packen ging einfacher als gedacht: Das Zelt kam über dem Scheinwerfer quer an die Gabelbrücke, der Schlafsack ganz hinten auf die Solositzbank, die Isomatte in den Tankrucksack und der Rest in den Rucksack.

Freitag Mittag ging es los. Auf der A7 war ein bisschen Stau, aber kaum hatte ich die A70 hinter mir gelassen, hatte ich die A71 fast für mich. Alle paar hundert Meter mal ein LKW, hin und wieder ein PKW. Die MZ konnte sich also ungehindert austoben und rannte mit 130 Sachen die Berge hoch und runter. Meine Sitzposition war dabei relativ entspannt: Dank des weich ausgestopften Tankrucksacks konnte ich mich bequem hinlegen, ohne Gewicht auf den Handgelenken zu haben. Eine richtige Genießertour!

Sonnenbrille mit Insekten

Volltreffer!

Naja, zumindest am Anfang. Als ich mir das erste Mal gedacht habe „Schön war’s. Jetzt könnte ich aber auch langsam mal ankommen.“ hatte ich 106 km auf dem Kilometerzähler. Beim zweiten Mal 114. Beim dritten Mal 122. Dann habe ich resigniert. 😉

Auch das eigentlich wunderschöne Motor- und Ansauggeräusch verlor mit der Zeit an Reiz. Wenn einem das Maschinchen stundenlang GNÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHH ins Ohr brüllt, wünscht man sich irgendwann ein bisschen Abwechslung.

Die gab es dann im Rennsteigtunnel (mit knapp 8 km Deutschlands längster Straßentunnel): Wenn ich bei den erlaubten 80 km/h das Gas aufgerissen habe, hallte ein Donnergrollen durch den Tunnel, das innerhalb von Sekunden zu einem Getöse anschwoll, als würden 30 Harleys durch die Röhre dröhnen. BROOOOOOOOOOHHHHHHMMMMM!!!! Ein paar Mal war das ganz lustig, dann ging es weiter wie vorher. GNÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHH!!!

MZ Café Racer

Tankstopp bei Erfurt. Die Emme ist vollbeladen, rennt aber tadellos 130.

Langsam meldeten sich auch Hintern und Knie. Ich musste die Beine immer mal wieder „ausklappen“, um den spitzen Kniewinkel etwas zu lockern. Nach ca. 200 km war ich deshalb froh, als ich bei Erfurt meinen geplanten Tankstopp nutzen konnte, um kurz abzusteigen. Kaum 10,5 Liter passten in den Tank. Ein Schnitt von knapp über 5 Liter! Für ein fast 50 Jahre altes Moped mit Dauervollgas wirklich nicht schlecht.

Um mich ein bisschen abzulenken, habe ich auf den restlichen 100 km Musik gehört. Bzw. ich habe versucht, Musik zu hören. Selbst auf der höchsten Lautstärke drang kaum etwas durch Motorlärm und Windgeräusche zu mir durch. Ich habe mich damit abgefunden und das lustige Ratespiel „welches Lied könnte das wohl sein?“ gespielt. 🙂


Mein erstes Mal auf dem Emmenrausch!

Beim Emmenrausch war dieses Mal vieles anders als sonst. Sagte man mir. Ich selbst hatte ja keinen Vergleich. Aber Corona schlug sich natürlich auch hier nieder. Statt wie sonst üblich durften nicht mehrere tausend Besucher aufs Gelände, sondern nur 999. (Später erfuhr ich hinter vorgehaltener Hand, dass die Security am Eingang niemanden abgewiesen hat und es am Ende ca. dreimal so viele Leute waren.) Trotzdem zeigten sich viele Lücken auf dem Campinggelände, auf dem Festplatz, in den wenigen Warteschlangen. Sicherheitsabstand war das Gebot der Stunde und wurde eigentlich überall eingehalten.

Emmenrausch 2020

Um die Leute nicht in Versuchung zu führen, spielte nur eine Band pro Abend und die Veranstalter wiesen immer wieder auf die Abstandsregeln hin. Auch bei den anderen Programmpunkten blieb die Zuschauermenge überschaubar, die Abstände groß.

Emmenrausch 2020

Geboten war Einiges

Was es nicht alles gab: Eine kleine Stuntshow, die aber eigentlich nur aus einer Menge Wheelies und Stoppies bestand. Naja, nicht so mein Ding. Außerdem haben zwei Kettensägenkünstler einen Adler und eine Eule geschnitzt. Open-Air-Kino. Kettenkarussel. Schießbude. Verschiedene Gastro-Stände. Einen (winzigen) Teilemarkt.

79 Oktan

Die Presse war auch vor Ort.

Ach ja, und natürlich den „Sexy Bike Wash“: Zwei leichtbekleidete Damen undefinierbaren Alters „wuschen“ ein Motorrad mitsamt Fahrer und mussten sich dazu schlüpfrige Sprüche des Moderators anhören. Ich hatte befürchtet, ich sei der einzige, der sowas einfach nur dämlich findet. Offensichtlich nicht, denn der Zuspruch hielt sich sehr in Grenzen. Nur mit Mühe konnte jemand überredet werden, sich und sein Motorrad zur Verfügung zu stellen. Insofern bleibt zu hoffen, dass dieses würdelose Schauspiel irgendwann der Vergangenheit angehört.

Sexy Bike Wash auf dem Emmenrausch 2020

Sexy Bike Wash. Naja, wer’s braucht. Ich nicht.

Ein Höhepunkt war sicher der „Show & Shine“ Wettbewerb, bei dem knapp 20 Pokale für jedes denkbare MZ- und Simsonmodell vergeben wurden. Ich habe mit meinem Racer auch teilgenommen, konnte die Jury aber offensichtlich nicht überzeugen. Schade.

Show & Shine auf dem Emmenrausch 2020

Die Teilnehmer des „Show & Shine“

MZ BK 350 mit Duna Seitenwagen

Eine wunderschöne BK350 mit Duna-Seitenwagen.

Show & Shine auf dem Emmenrausch 2020

Eine wunderbar patinierte AWO

Eine patinierte AWO. Irgendwann will ich auch mal sowas.

Pokalverleihung auf dem Emmenrausch 2020

Die Preisverleihung

Ich habe mein Zelt bei ein paar Forumskollegen aus dem MZ-Forum aufgebaut und hatte tolle Gespräche und richtig viel Spaß. Zumal es eigentlich immer etwas zu sehen, hören oder riechen gab. Viele Motorräder und Mopeds, die ohne Auspuff über den Platz ballerten. Oder am Strand Wheelies machten (und sich dabei auch mal derbe hinschmissen). Oder das Hinterrad im Sand eingruben. Oder auf der Burn-Out-Platte ihre Hinterreifen oder gar Motoren opferten. Oder oder oder. Bei vielem davon erschließt sich mir der Reiz nicht so ganz, aber wenn es den Leute Spaß macht, warum nicht?

Burn Out auf dem Emmenrausch 2020

Da wird gerade mal wieder ein Hinterreifen vernichtet.

36 Kurven zum Kyffhäuser-Denkmal

Am Samstag bin ich mit den Kollegen auf den Kyffhäuser gefahren, um das monumentale Denkmal zu besichtigen und auf dem Weg dorthin die nicht weniger sagenumwobenen 36 Kurven zu „erfahren“. Die Kurven waren nicht so der Knüller, weil irre viel Verkehr war und das Tempolimit von 50 km/h ohnehin nicht viel Spielraum ließ. Mein Selbstwertgefühl hat obendrein einen mächtigen Dämpfer erlitten, als ich auf dem Weg runter von zwei Simmen überholt wurde. 😉

Dafür war das Kyffhäuser-Denkmal umso beeindruckender.

Kyffhäuser-Denkmal

Barbarossa auf seinem Throne

Blick vom Kyffhäuser

Irgendwo da hinten ist der Brocken. Und der Emmenrausch.

Auf dem Prüfstand

Auf dem Platz habe ich mir dann noch einen lang gehegten Wunsch erfüllt und  meine MZ auf dem Leistungsprüfstand messen lassen.

Anstehen für den Leistungsprüfstand

Eine ganze Reihe von Simmen wartet vor dem Leistungsprüfstand.

Am Ende standen 22,7 PS bei 5719 Umdrehungen und fast 30 Nm bei 5129 Umdrehungen auf dem Leistungsdiagramm. Also etwas mehr als original, was umso erfreulicher ist, weil an dem Motor nichts getunt wurde.

Leistungsdiagramm MZ ETZ 250

Für einen ungetunten Motor im ersten Schleifmaß ziemlich solide Werte.


Was gibt es sonst noch zu berichten? Ich war überrascht von den vielen Kindern, die auf dem Platz ihre Runden drehten. Geschätzt 10 Jahre alte Jungs, die mit ausgewachsenen Gespannen rumfuhren. Oder – wie hier – mit Fahrzeugen in ihrer Größe:

Nachwuchsförderung

Auch erfreulich: Ich habe auf der ganzen Veranstaltung nicht einen Menschen gesehen, der Ärger gemacht hätte. Keine Rocker, die einen auf dicke Hose machen. Keine Nazis. Keine Idioten, die im Suff Streit suchen. Nichts dergleichen. Bei einer Veranstaltung dieser Größe keine Selbstverständlichkeit und deshalb ein großes Lob wert!

Emmenrausch 2020

Einziger Wermutstropfen: Wo Menschen viel Freiheit genießen, kommt es leider auch immer mal wieder zu Unfällen. Meines Wissens waren die Sanis auf dem Platz viermal im Einsatz, laut Gerüchteküche gab es sogar eine Querschnittslähmung. Ich hoffe, das ist wirklich nur ein Gerücht. 🙁

Trabi auf Abwegen

Trabi auf Abwegen


Sonntag früh war leider schon Abschiednehmen angesagt. Zelt abbauen, Moped packen, noch schnell einen Kaffee trinken, Danke, Tschüß und bis zum nächsten Mal!

Emmenrausch 2020

Der Racer hat auch die Rücktour souverän gemeistert und hat mich mit Vollgas und zwei kurzen Pausen in deutlich unter 3 Stunden zurück in die Heimat gebracht. Das Navi hat als Höchstwert sportliche 135 km/h vermeldet.

MZ Café Racer

Wieder daheim. Zum krönenden Abschluss gab es noch einen Kaffee im Biergarten.

Insofern lautet mein Fazit: Ein voller Erfolg! Mein kleiner Racer hat sich mal wieder als grundsolides und vollgasfestes Moped erwiesen, mit dem man sogar längere Touren fahren kann, wenn man denn unbedingt will und die nötige Schmerztoleranz besitzt.

Und der Emmenrausch hat sich ebenfalls von seiner besten Seite gezeigt! Wer Ostfahrzeuge mag und über eine gesunde Portion Verrücktheit verfügt, kann sich hier eigentlich nur wohlfühlen. Ich streiche mir den Termin für nächstes Jahr schon einmal dick im Kalender an. 🙂

 

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