Hat sich die Welt weitergedreht?

Was ist denn los auf deutschen Straßen? Ständig passieren mir Sachen, die mich sprachlos machen. Hab ich was verpasst?

Eine meiner ewigen Gewissheiten in Bezug auf Autos und Motorräder war bisher: Egal wieviel Leistung ein Auto (oder großes Motorrad) hat, auf kleinen und kurvigen Landstraßen kann man ihnen mit einer kleinen und leichten Maschine (und ein bisschen Können) davonfahren.

Pustekuchen. Das war vielleicht mal so.

Diese Woche sind mir auf meiner Feierabendstrecke zwei Autos davongefahren. Ein SUV (!) und ein Pickup (!!!). Die Strecke ist eine kleine und enge Landstraße mit vielen sehr kurzen Kurven und schnellen Richtungswechseln. Keine langgezogenen Kurven für große Schräglagen auf einer sauberen Linie, sondern eher ein zackiges Kurvenwetzen, bei dem man wirklich arbeiten muss. Mit meinem kippeligen Racer ist das eine echte Herausforderung, auf den richtig kurvigen Abschnitten fahre ich keine 80. Die Bandit kann ihre Mehrleistung hier kaum ausspielen, so dass ich mit ihr vielleicht 90 fahre.

Sowohl der SUV (irgendein großer BMW-X) als auch der Pickup (VW Amarok) sind mir (bei erlaubten 100 km/h) mit geschätzen 120 Sachen davongefahren. Hallo?!

Erklärung 1: Ich bin kein Rennfahrer. Das weiß ich. War ich nie. Ich bin vielleicht ein ganz routinierter Motorradfahrer, aber sicher nicht der schnellste. Und dass ich seit Jahren fast nur noch MZ-Gespann fahre, hat es nicht besser gemacht. Vielleicht ist jetzt einfach der Zeitpunkt gekommen, wo ich einsehen muss, dass mir sogar Pickups davonfahren?

MZ ES 250/2 Gespann mit Lastenseitenwagen

Erklärung 2: Bei Autos hat sich in den letzten Jahren irre viel getan. Viele Kleinwagen oder Nutzfahrzeuge haben PS-Zahlen, von denen früher selbst manche Sportwagen nur träumen konnte. Als ich mir 2001 mein erstes Auto (einen gebrauchten Fiesta mit 60 PS) gekauft habe, haben viele Leute besorgt gefragt, ob das für einen Fahranfänger nicht ein bisschen zu viel sei. Heute sind 60 PS lächerlich. Mein spießiger Renault Espace hat 170 PS und das ist noch nicht einmal die stärkste Motorvariante. Und nicht nur die Leistung ist gestiegen. Auch die Fahrwerke sind immer besser geworden. Und die Elektronik sorgt dafür, dass auch ein Laie relativ gefahrlos die Grenzen der Physik austesten kann. Ich bin mir sicher, dass es vor 20 Jahren nicht möglich gewesen wäre, mit einem Geländewagen oder Pickup mit 120 Sachen über „meine“ Strecke zu heizen. Der Versuch hätte wahrscheinlich im Straßengraben geendet. Heute ist das kein Problem. Wahrscheinlich hat der Fahrer nebenbei telefoniert und gar nicht mitbekommen, dass er gerade über mein Ego gefahren ist.

Dass das keine Einbildung ist, zeigt eine der letzten „The Grand Tour“ Episoden. Es wurden DIE beiden Supersportwagen der 80er getestet: Der Lamborghini Countach und der Ferrari Testarossa. Namen wie Donnerhall. PS-Ikonen. Automobile Götter, die sich tief in das Bewusstsein aller Autonarren eingebrannt haben. Beide wurden von einer Profirennfahrerin auf einer Rennstrecke getestet. Das ernüchternde Ergebnis: Kein Vergleich zu aktuellen Autos, selbst ein serienmäßiger Ford Fiesta ST schafft bessere Rundenzeiten. So weit ist es also schon gekommen.

Aber ich habe den Eindruck, dass sich nicht nur technisch etwas verändert hat. Gestern bin ich mit der Bandit eine Runde durch den Spessart gedüst. Auf dem Rückweg hat mir ein Polo am Hintern geklebt. 100 waren erlaubt, ich etwas schneller. Der Polo fuhr immer dichter auf. Ich habe einen anderen PKW überholt und dachte, ich hätte jetzt meine Ruhe. Hatte ich aber nicht, eine Minute später hing er schon wieder hinter mir. Also habe ich ein bisschen Gas gegeben. Und noch mehr. Und noch mehr. Bis ich irgendwann fast 160 auf dem Tacho stehen hatte. Geht’s noch? Ich lasse mich von einem Polo mit fast 160 über die Landstraßen jagen?!

Suzuki Bandit GSF 600 S im Spessart

Ich bin dann vom Gas, ganz rechts am Rand gefahren und habe ihm per Handzeichen bedeutet, dass er mich gerne überholen kann. Das war ihm dann wohl doch zu blöd und er fuhr den Rest der Strecke mit ausreichend Abstand und (fast) legalem Tempo hinter mir her.

Das war ein Fall, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Aber kein Einzelfall.

Was jetzt?

Tja, was jetzt? Mache ich es mir mit knapp 40 Jahren mit meinem „historischen Fuhrpark“ gemütlich, kümmere mich nur um meine eigene, „gefühlte“ Geschwindigkeit und ignoriere die anderen Verkehrsteilnehmer, so gut es geht? Mir doch wurscht, wenn mir selbst Radfahrer davonfahren, ich habe meinen Spaß!

Oder rüste ich auf, um mithalten zu können?

Ich muss ja zugeben, es würde mich schon reizen, auch mal ein modernes Motorrad zu haben. Muss ja nicht ganz neu sein, aber irgendwas mit Leistungsreserven und einem Fahrwerk, das Fehler verzeiht, statt selbst welche zu machen. Eines, mit dem man nicht nur die schrauberischen sondern auch die fahrerischen Fähigkeiten verbessern kann.

Ich werde mal darüber nachdenken.

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7 Gedanken zu „Hat sich die Welt weitergedreht?

  1. Zuerst: bleib gelassen.

    Ansonsten las ich irgendwo mal einen interessanten Artikel bezüglich aktueller Autos und jungen Menschen, die nur diese kenne, dass sie ein ganz anderes Gefühl dafür haben. Nee, falsch, eigentlich gar keins. Da schrieb jemand, dass er neben so jemand sitzend, etwas Angst bei der Fahrt verspürte.
    Das lag seiner Ansicht nach darin begründet, dass man heutzutage die eigentliche Fahrphysik nicht mehr spüre, da durch die vielen elektronischen Helferlein alles glattgebügelt wird.

    Das sorgt eben auch dafür, dass ein Polo am Heck klebt. Das Leistungsgewicht der Bandit ist dem ja weiterhin deutlich überlegen, ja, du musst gegebenenfalls mehr auf dem Fahrzeug, mangels optimalen Fahrwerk arbeiten, aber grundsätzlich stellt das kein Problem dar.

    • Hi Max, den Artikel habe ich auch gelesen. War meines Wissens bei „Klartext“ von Heise Auto, aber ich finde ihn momentan leider nicht.
      Gelassen bleiben ist sicher immer ein guter Tipp. Ich bin zum Glück langsam aus dem Alter raus, wo ich mir oder anderen was beweisen muss. Aber es wäre halt schön, wenn ich es noch könnte. 😉

  2. Hallo Martin,
    das was du da beschreibst habe ich auch schon des öfteren beobachtet. Mein jüngstes Fahrzeut ist ein Motorrad von 2004. Selbst die Familienkutsche ist älter. Ein MZ-Gespann braucht man gar nicht erst ins Rennen schicken. Dadruch habe ich gemütlichkeit gelernt. Ich weiß auch, dass keines meiner Fahrzeuge eine Rennmaschine ist.
    Wenn ich durch Dienstreisen doch mal ein 3 Monate altes Auto unter dem Hintern habe merke ich selbst, was die modernen Autos alles können. Vorallem Tickets kann man damit sehr einfach kassieren.

    Wenn dich mal wieder jemand jagt oder drägenlt, probier mal folgendes: Du musst dir nur sagen: „Ich kann auch langsamer“ Das macht besonders großen Spaß in Baustellen mit 30km/h Begrenzung. Auch Innerorts auf Strich 50 runter kommen entspannt ungemein.

    Die Überlegung zu kräftigeren oder schnelleren Maschine habe ich vor langem verwurfen. Als Familienvater darfst du auch kürzer Treten und das Rasen den jüngeren überlassen, wem willst du was beweisen. Am Ende kommt es auf den persönlichen Fahrspaß an. Bei mir zumindest hört der Fahrspaß auf, wenn ich nicht mit Gewissheit anhalten kann. Du weißst doch nie, ob hinter der nächsten Kurve ein angefahrens Tier, ein gestürzter Radfahrer oder eine verlorene Fuhre Sand auf der Straße liegt. Ist der Fahrer zu schnell, kann die Technik da auch nur noch wenig Retten. Pkw Fahrer sitzen da wenigstens in Ihrer gefühlten Sicherheit in Kapsel.

    PS: Was ist mit deiner Werbung geschehen? War da nicht ein Betrag über Zelte?

    • Hi Adrian,
      ich gebe Dir absolut recht, entspannt zu fahren und Spaß zu haben ist auf jeden Fall besser als sich selbst unter Druck setzen und dabei unnötige Risiken einzugehen.
      Nur manchmal juckt es einen dann halt doch in den Fingern. 😉
      Ich habe es damals unwahrscheinlich genossen, als ich von der 600er Bandit auf die 1100er Kawa gewechselt bin. Zu meinem eigenen Erstaunen bin ich mit der viel entspannter und gefühlt auch langsamer gefahren. Ich wusste, dass ich so ziemlich jedem anderen leistungsmäßig überlegen war, und gerade deshalb niemandem etwas beweisen musste. Nicht nur der bewusste Verzicht auf Leistung kann entspannend wirken, das Gegenteil funktioniert auch. 😉
      PS: Die Zeltwerbung habe ich rausgenommen, weil die Aktion beendet war. Bringt ja keinem was, wenn ich für ein Sonderangebot werbe, das es so nicht mehr gibt.

  3. Ich kann, was Leistung angeht, mit meinem Simson Star schlecht mitreden, aber es ist schon krass wie viele Autos/SUV einen selbst bei Tempo 50 und kurviger Strecken so knapp überholen. Da muss man sich einfach selber bewusst machen wo die eigenen Grenzen liegen und sich auf keinen Fall von irgendwelchen gestressten Blechkabinenen Fahrern die Hölle heiß machen lassen…
    LG aus dem Münsterland

  4. Hallo Martin, ich bin mal mit meiner Moto Guzzi V7Sport mit Vollgas auf der Autobahn von einem VW Caddy überholt worden. Seitdem ist mir alles wurst. Viele Grüße von
    Martin

  5. Hi.
    Ein etwas verspäteter Beitrag meinerseits (ich komm einfach nicht mehr zum Lesen ;)).
    Das mit den modernen Autofahrwerken usw stimmt schon.
    Wir haben uns jetzt erst kürzlich einen Neuwagen geholt und die 120 fühlen sich darin an wie die 150 beim 26 Jahre alten Vorgänger… Wenn die Jungs dann vllt noch die Strecke kannten, haste da einfach keine Chance.

    Was diese Polo / Golf – Rennfahrer angeht, das ist mir jetzt auch schon öfter aufgefallen, gerade auf kurvigen und / oder bergigen Strecken scheint es für die Jungs das Größte der Gefühle zu sein an dem „Motorradraser“ dranbleiben zu können.
    Oft habe ich mich schon abgeschossen gesehen, weil der Hintermann ohne Rücksicht auf Verluste dranbleiben musste.
    In solchen Fällen ist wirkli lch das beste, einfach rausfahren / rechts ran fahren / Schritttempo und den Kollegen einfach ziehen lassen.

    Der Umstieg auf ein modernes Motorrad ist schon eine spaßige Sache.
    Bin ja selbst immer eher alte Damen gefahren und jetzt mit dem Umstieg auf die „moderne“ (7 Jahre alte) Tiger ist schon ein mächtiger Schritt.

    Man hat auf alle Fälle mehr als genug, mehr als genug Hubraum, mehr als genug Leistung, mehr als genug alles.
    Was ich sehr vermisse ist das Feedback in den Kurven, bei meiner alten Trident wusste ich schon beim Kurveneingang, ob ich die Kurve auch schneller nehmen hätte können oder ob das jetzt zu schnell ist und ich mir jetzt was einfallen lassen muss.
    Dieses Feedback fehlt mir bei der Tiger, aber vermutlich deswegen, weil ich mit meinem Fahrstil nicht ansatzweise in den Grenzbereich oder gar dem ernsthaften Arbeitsbereich des Fahrwerke komme.

    Auf der Landstraße fühlen sich 120 an wie 80 und umgekehrt, dementsprechend bin ich immer entweder zu schnell unterwegs oder „erwische“ mich dabei, wie ich verträumt durch die Gegend tingele… Also typisch Reiseenduro eben 😀

    Einen großen Vorteil hat die moderne Maschine aber auf alle Fälle, meine Freundin fragt jetzt öfter mich als ich sie, ob wir nicht ne Runde Motorradfahren gehen wollen 😉
    Is halt doch bequemer 😛

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