Fließend warmes Wasser

Irgendwas mit meinem Gehirn ist seltsam. Während andere über Karriere, Altersversorgung und Bundesligaergebnisse nachdenken, gehen mir Sachen durch den Kopf, die man einfach nur als bizarr bezeichnen kann. Zum Beispiel die Idee eines Wasserkochers am Motorrad.

Wenn einem normalen Menschen so ein Gedanke in den Kopf käme, würde er vermutlich kurz schmunzeln und sich dann wieder Wichtigerem zuwenden. Altersversorgung und so Zeug. Ich hingegen denke dann stundenlang darüber nach. Wie ließe sich das überhaupt umsetzen? Was spräche dafür, was dagegen? Und während ich in Gedanken gerade das 192. Argument formuliere, was dagegen spricht, erwische ich mich dabei, wie ich im Baumarkt stehe und 2 Meter Kupferrohr kaufe. Danke, Gehirn! 😉

Kupferrohr

Ein Wasserkocher am Motorrad?!

Aber der Vollständigkeit halber: Was spricht dafür? Mit einem Wasserkocher – genauer gesamt: einem Durchlauferhitzer – kann man sich nach einer langen Herbst- oder Wintertour einen leckeren Tee oder Kaffee kochen. Direkt vor Ort, auf dem Parkplatz, am Zelt, mitten im Wald. Thermoskannen sind was für Anfänger, echte Biker bereiten Heißgetränke mit dem Motorrad zu!

Was spricht dagegen? Eigentlich nichts. Der Kostenaufwand entspricht dem Gegenwert einer Tankfüllung und der Zeitaufwand ist auch überschaubar. Das ist mir der Spaß wert. Und technisch sehe ich gar keine Probleme.

Wie soll das genau funktionieren?

Warnhinweis: Heiße Krümmer und kochendes Wasser sind nicht ungefährlich. Falls also jemand das Folgende nachbauen will, sollte er entsprechend vorsichtig sein. Aber das Risiko, dass noch jemand so bekloppt ist wie ich, ist wohl eher gering.

Die Grundidee ist einfach: Man nehme ein weiches Kupferrohr mit relativ geringem Durchmesser (z.B. 8 mm) und wickle es um den Krümmer. So eng wie möglich, damit es gut anliegt und die Wärme gut übertragen wird. Dabei sollte man eine Stelle wählen, die relativ aufrecht steht, damit das Wasser nicht in den Windungen stehen bleibt, sondern sauber abläuft. Die Einfüllöffnung muss natürlich den höchsten Punkt bilden, der Austritt den tiefsten.

Eigentlich wollte ich das Rohr direkt um den montierten Krümmer wickeln, aber das war aus Platzgründen nicht möglich. Also habe ich einen Ersatzkrümmer in den Schraubstock gespannt und das Rohr an diesem in Form gebracht.

Kupferrohr-Spirale

Um das Rohr über den Krümmer stecken zu können, musste ich den Auspuff abbauen. (Was gar nicht so schlecht war, denn dabei ist mir aufgefallen, dass die vordere Auspuffhalterung gerissen war. So konnte ich sie schweißen, bevor sie ganz abgerissen wäre.) Mit ein bisschen Drücken und Schieben ließ sich das Kupferrohr leicht in Position bringen.

Wärmetauscher am Motorrad

Das sieht schon mal sehr gut aus! Damit das Rohr ein bisschen vor Dreck und Fahrtwind geschützt ist und die Wärme gut hält, kommt zum Schluss noch einen Rest Hitzeschutzband rum.

Wasserkocher am Motorrad

Im Prinzip ist es damit auch schon fertig. Eigentlich wollte ich dann noch schöne Verschlüsse für oben und unten bauen. Meine Konstrukte aus Muffe, Stopfen und Flügelschraube haben aber leider nichts getaugt. Die saßen viel zu locker und der untere Verschluss hat sich auf der ersten Probefahrt heimlich davongemacht. Ich hatte auch kurz den Plan, unten einen Hahn und oben ein Rückschlagventil anzubringen. Aber der Aufwand dafür war mir zu groß, immerhin geht es hier nur um einen ersten Prototypen zum Testen. Da tut es auch ein einfacher Schlauch, den man unten bzw. oben draufsteck.

Funktioniert es?

Nun ja, irgendwie. Aber nicht so wie erwünscht.Hier das Ergebnis des ersten Probelaufs:

Der „Durchlauferhitzer“ heizt sich erstaunlich schnell auf, schon nach weniger Minuten im Leerlauf sind Krümmer und Kupferrohr heiß. Das Infrarotthermometer zeigt oben am Krümmer etwa 160°C an. Also gieße ich einen Schluck Wasser in den Trichter. Es zischt laut, das Motorrad verwandelt sich in einen Mini-Geysir und eine Fontäne heißen Dampfs und Wassers schießt durch den Trichter nach oben. Huch, ich hatte vergessen, den Verschluss am unteren Ende des Rohres abzunehmen. 😉

Also Stopfen runter und nochmal oben Wasser reingießen: Diesmal zischt und dampft es unten raus. Schwallweise wie bei einer Dampflok. Wenige Sekunden später ist das ganze Gespann in einer weißblauen Wolke aus Zweitaktduft und Wasserdampf verschwunden.

Ich taste mich durch den Nebel und gieße weiteres Wasser nach. Mittlerweile ist das Kupferrohr auf unter 100°C abgekühlt, sodass das Wasser nicht sofort verdampft. Ein feiner Strahl heißen Wassers läuft aus dem Kupferrohr in eine Tasse. Es hat funktioniert!

(Das Video zeigt den zweiten Probelauf, nachdem das Kupferrohr bereits abgekühlt war.)

Ich gieße langsam weiter, bis die Tasse etwa halb voll ist. Erwartungsvoll nehme ich sie in die Hand … und bin enttäuscht. Das Wasser ist nicht einmal lauwarm. 🙁

Das ernüchternde Fazit: So funktioniert es nicht. Das Kupferrohr speichert nicht genug Energie, um eine Tasse Wasser zu erhitzen. Der erste Schwall verdampft, der zweite ist kalt.

Wie geht es weiter?

Möglichkeit 1: Ich baue unten einen Hahn an das Rohr. Dann gieße ich Wasser rein, warte, bis es anfängt zu köcheln, und lasse das heiße Wasser dann ab. Dann fülle ich das Rohr wieder mit neuem Wasser auf und wiederhole das Prozedere, bis die Tasse voll ist. Aber ich bin skeptisch, dass das funktioniert. Bis das Rohr mitsamt Inhalt auf 100°C aufgeheizt ist, ist das Wasser in der Tasse vermutlich schon wieder kalt.

Möglichkeit 2: Ich baue unten einen Hahn an das Rohr und zusätzlich einen kleinen Tank. Dann kann sich das während der Fahrt gleichmäßig erhitzen und ich habe auf einen Schlag die nötige Menge heißes Wasser für eine Tasse. Vielleicht könnte man das sogar so konstruieren, dass das Wasser wie bei einer Thermosyphonkühlung durch das Kupferrohr zirkuliert. Der Tank müsste dann mit dem oberen UND unteren Anschluss verbunden sein. Ich bräuchte dann nur noch ein Sicherheitsventil, damit sich kein Überdruck entwickeln kann. Passenderweise könnte man auch einen Verschluss wie bei einem Wasserkessel anbringen, der pfeift, wenn das Wasser kocht. 🙂

Möglichkeit 3: Ich bau den ganzen Quatsch wieder ab und nehme in Zukunft wieder die Thermoskanne mit. 🙂

Für welche Variante ich mich entscheide, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Das hängt ganz davon ab, welche bizarren Ideen mein Gehirn sonst noch entwickelt.

Nachtrag (24.11.2017)

Nach einigem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es (wenn überhaupt) mit einem zusätzlichen Tank funktioniert. Allerdings wird das nicht reichen, denn ich muss irgendwie erreichen, dass das Wasser vom Tank durch den „Wärmetauscher“ gepumpt wird. Zwar gibt es das Thermosyphonprinzip (warmes Wasser steigt nach oben), das für einen gewissen Wasserkreislauf sorgt. Auf die Weise wurden z.B. LKWs oder Mopeds relativ unkompliziert wassergekühlt. Aber die „Eigenpumpleistung“ so eines Systems ist verschwindend gering. Da braucht es schon echt fette Leitungsdurchmesser, eine korrekte Anordung (Kühler als höchstes Bauteil) und einen strömungsoptimierten Aufbau, damit sich das Wasser überhaupt bewegt. Das wird bei mir also nichts.

Die Alternative wäre eine zusätzliche Pumpe (siehe Kommentare), die für gleichmäßige Erwärmung sorgt. Aber wo bekommt man eine Pumpe, die klein und billig ist, mit 12 Volt läuft und 100°C aushält? Bei Amazon: 12V-Mini-Wasserpumpe! Nur leider steht dabei, dass die nicht für dauerhaft hohe Temperaturen geeignet ist. Ich werde mir das noch ein bisschen durch den Kopf gehen lassen.

Martin

Martin

Schraubt gerne an seinen Motorrädern rum. Wenn sie danach noch funktionieren, fährt er auch gerne eine Runde. Beides mit überschaubarem Können aber viel Herzblut.

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5 Gedanken zu „Fließend warmes Wasser

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