Als ich mich vor 3 Jahren von meinem heißgeliebten aber total maroden Renault Espace IV getrennt habe, habe ich mir geschworen, dass ich seinen Nachfolger, einen Mazda 626, bis zum bitteren Ende fahren werde. Heute habe ich ihn sehr schweren Herzens verkauft.
Renault Espace IV
Der Espace war ein Traum von einem Auto: Riesengroß und unwahrscheinlich flexibel, dabei aber super komfortabel und ein grandioses Reisemobil. Quasi der perfekte Kompromiss aus Transporter und PKW.
Nicht unbedingt schön aber sehr avantgardistisch gestaltet, bärenstark (160 PS), super ausgestattet (DVD-Player und Bildschirme in den Kopfstützen!) und damit einfach das perfekte Auto für einen Familienvater, Kunsthandwerker und Häuslebauer wie mich.
Leider hatte er auch seine Schattenseiten: Ein Säufer vor dem Herren, im Stadtverkehr gönnte er sich gerne mal 12 bis 13 Liter. Und noch schlimmer: Ständig war was kaputt. Und jedesmal was richtig teures. Die Handbremse geht nicht? 500 Euro. Die Lichtmaschine brennt? 700 Euro. Die hintere Bremse ist fest? 1000 Euro. Und so weiter. Am Ende ist mir innerhalb kurzer Zeit zweimal der Keilriemen gerissen, weil irgendwas blockiert hat. Außerdem hatte die Windschutzscheibe einen großen Riss und der TÜV war abgelaufen. Ich war froh, als ihn ein Händler für 700 Euro genommen hat und ich ihn endlich los war.

… schnell war er übrigens auch. Trotz 2 Tonnen Leergewicht fuhr er 205 km/h. Und das sogar richtig gut! Bei mehr als 160 soff er aber richtig böse.
Nach dieser Erfahrung wollte ich einfach ein zuverlässiges Auto ohne Schnickschnack. Und das möglichst billig. Einzige Anforderung: Eine Anhängerkupplung, schließlich sollte das mein neues Baustellenfahrzeug sein.
Mazda 626 GF
Zufällig stolperte ich über das Inserat eines Mazda 626 und war sofort schockverliebt: Alles an diesem Auto war absolut langweilig: das Design, der Motor, das Fahrverhalten, … Nichts stach irgendwie hervor, weder positiv noch negativ. Es war einfach nur die Essenz eines 90er-Jahre Autos. Nicht mehr, nicht weniger.
Es handelte sich um einen 626 GF, also das allerletzte 626-Modell, bevor Mazda alle Modelle rebooted hat und er ab sofort nur noch Mazda 6 hieß. Baujahr 1998, also beim Kauf 25 Jahre alt. Ein Rentnerfahrzeug aus erster Hand mit nichtmal 80.000 km. 115 PS, von denen sich aber offensichtlich schon ein paar verabschiedet hatten. Die wesentlichen Komfort- und Sicherheitsfeatures waren da: 4 Airbags, ABS, G-Kat, Klima, 2 elektrische Fensterheber und AHK. Sonst nichts. Wirklich gar nichts. Naja, der riesige Kofferraum sei noch erwähnt.
Ich kürze mal ab: Ich bin das Auto jetzt 3 Jahre gefahren. Und abgesehen von ein paar Verschleißteilen musste nichts daran repariert werden. Der Mazda war mit Abstand das zuverlässigste und unproblematischste Auto, das ich je hatte. Er hat immer 8 Liter verbraucht, egal wie ich gefahren bin.

Was für ein Kofferraum! Da kann man 6 Kästen Bier reinstellen. Und nochmal 6 obendrauf. Und das ist kein Kombi!
Ich habe mir in einer spätpubertären Anwandlung eine fette Bassbox und neue Lautsprecher eingebaut. Eine Einparkhilfe hinten. Dachgepäckträger. Ich bin damit auf Festivals gefahren und nach Schweden. Ich habe damit meine Baustelle zuende gebracht. Ich war damit auf Kunsthandwerkermärkten und habe im Kofferraum geschlafen. (Ein Traum! Fast 3 m durchgehende und ebene Liegefläche! Ich habe in einem Auto noch nie so bequem geschlafen, nicht mal im Espace.)
Ich habe ihn für seine Robustheit und Zuverlässigkeit geliebt. Er war nicht schön, er war nicht aufregend, aber man konnte sich völlig auf ihn verlassen. Also warum habe ich mich von ihm getrennt?
VW Golf Sportsvan VII
Vor ein paar Wochen ist mein (Stief-)Vater sehr überraschend gestorben. Er hatte sich 2017 einen neuen Golf Sportsvan gekauft. Da er aber gesundheitlich immer eingeschränkter war, stand das Auto die letzten Jahre nur noch. Mit nicht einmal 30.000 km ist der Volkswagen kaum eingefahren. Da sonst niemand aus der Familie das Auto brauchte und der Quasi-Neuwagen wegen der langen Standzeit keinen adäquaten Marktwert mehr hatte, hatte ich das große Glück, ihn übernehmen zu dürfen.
“Sportsvan” klingt sportlich, er ist aber ehrlicherweise eher eine Rentnerversion des normalen Golf VII: Die Sitze sind 10 cm höher, was einen rückenschonenden Einstieg ermöglicht. Er bietet etwas mehr Kopffreiheit, falls man mit Hut fahren möchte. Und dank eines etwas längeren Radstandes und einer verschiebbaren Rücksitzbank hat man die Wahl zwischen viel Beinfreiheit für die Fahrgäste im Fond oder einem etwas größeren Kofferraum.
Das Besondere an “meinem” Golf, vor allem im Vergleich zum Mazda: Er hat so ziemlich jede elektronische Spielerei, die VW anzubieten hat: Vom Massagesitz über das Doppelkupplungsgetriebe, sämtliche Assistenten vom Spurhalten, Abstandhalten, Totwinkelüberwachung bis hin zum automatischen Einparken und so weiter. Nichts davon habe ich je vermisst. Nichts davon hätte ich mir gekauft. Aber nun, wo ich es habe, ist es zumindest ganz lustig.
Wirklich praktisch ist hingegen, dass der Golf etwas weniger verbraucht als der Mazda: Im Alltag immerhin gut einen Liter, knapp unter 7 Liter sind realistisch.
So viel zu den Vorteilen. Nachteile hat der Golf genau zwei:
1. Er ist deutlich kleiner als der Mazda. Dramatisch kleiner. Dabei sieht er von außen gar nicht viel kleiner aus. Der Kofferraum ist ein Witz, selbst wenn man die Sitzbank ganz nach vorne schiebt. Klein, zerklüftet, uneben. Für meine Zwecke eigentlich unbrauchbar.
2. Er ist nicht der Mazda. Und ich habe den Mazda doch gerade deshalb so geliebt, weil er so auf das Minimum reduziert war. Der Golf ist mit seinen 1000 Assistenten und Spielereien das genaue Gegenteil.
Trotzdem ist er fraglos das bessere Auto und auch für mich eine deutliche Verbesserung: Er ist quasi wie neu: Kein Rost, keine Schäden, keine Probleme in Sicht. Der Mazda war zwar völlig okay, aber bei einem 28 Jahre alten Auto werden die Probleme irgendwann kommen. Zumal der Rost schon fleißig an den Radläufen geknabbert hat.
Um das Problem mit dem Platz zu lösen, habe ich dem Golf eine AHK spendiert (aufgrund der komplizierten Elektronik habe ich das erstmals nicht selbst gemacht, sondern einer Fachwerkstatt überlassen). Außerdem habe ich passende Dachgepäckträger gekauft. Damit werde ich hoffentlich klarkommen, auch auf Kunsthandwerkermärkten, Festivals, Familienurlauben etc.
Der Verkauf
Da es aus finanzieller Sicht nicht infrage kam, beide Autos zu behalten, musste der Mazda weg. Mir war schon klar, dass sich die Leute nicht um ein 28 Jahre altes Auto reißen. Zumal eines, das schon als Neuwagen kein Blickfang war. Aber ich hatte damit gerechnet, dass es trotzdem eine kleine Zielgruppe gibt, die so ein Auto schätzt. Und auch bereit ist, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen.
In Anbetracht der irren Preise, die aktuell für Gebrauchtwagen aufgerufen werden, habe ich mit selbstbewussten 3.300 Euro angefangen und das Auto auf verschiedenen Plattformen inseriert. Wie gesagt: Das Auto war in gutem Zustand, bis auf ein bisschen Rost keine Mängel oder Unfallschäden, noch fast ein Jahr Rest-TÜV, dazu einiges Zubehör. In meinen Augen ein faires Angebot.
Ich war dann aber doch überrascht, dass sich niemand für das Auto interessierte. Niemand. Überhaupt niemand. Nicht einmal “Was letzte Preis?”-Interessenten.
Ich habe den Preis über 4 Wochen immer weiter reduziert, bis auf 1.900 Euro. Ohne Erfolg. Erst als ich einen Satz neue Radkappen montiert und das Fahrzeug mit neuen Fotos neu inseriert hatte, kamen ein paar Anfragen. Der erste Interessent hat es dann auch gleich genommen. Ich habe noch eine frische HU machen lassen und ihm das Auto dann für 1.400 Euro quasi geschenkt. Immerhin war es ein echt netter Kerl, der das Auto anscheinend sehr zu schätzen weiß. Das ist ja schon mal was.
Mir tut es momentan noch in der Seele weh, dass so ein vielseitiges, zuverlässiges, grundsolides Auto nur so wenig wert sein soll. Ich hätte es gerne noch viele Jahre gefahren und gepflegt. Aber so ist es nun mal. Ich werde den Mazda in guter Erinnerung behalten und mich ab sofort über den Golf freuen. Hoffentlich werde ich ihn auch noch so lieben lernen wie seinen Vorgänger. 😉



