Projekt MZ-Lastengespann – Teil 1

Mit meinem Projekt Stahlkunst Purrer bin ich immer mal wieder auf Künstlermärkten oder ähnlichen Veranstaltungen. Bislang bestand mein Marktstand meist aus Bierbänken. Das fand ich ein bisschen langweilig. Deshalb will ich mir aus meinem Gespann einen mobilen Marktstand bauen. Als ersten Schritt benötige ich dafür einen Lastenbeiwagen.


Das Gespann als (dauerhafte) Notlösung – ein Exkurs

MZ-Gespanne sind eine tolle Sache, aber wenn man sich ihre Geschichte anschaut, sind sie auch ein Symbol für das Scheitern der DDR-Planwirtschaft. Der Autoindustrie gelang es nämlich trotz größter Anstrengungen in 40 Jahren DDR nie, den Bedarf an Autos und Transportern zu decken. Auf einen PKW (Trabant, Wartburg) musste man in der Endphase der DDR bis zu 18 Jahre warten, Transporter und Kleinbusse (Barkas) waren für Privatpersonen gar nicht verfügbar. Viele DDR-Bürger sind also nicht (nur) aus purer Lust MZ oder Simson gefahren, sondern weil das häufig die einzige Möglichkeit war, mobil zu sein.

MZ ES 250/2 mit Superelastik-Beiwagen

MZ ES 250/2 mit Superelastik-Beiwagen. (Das Soziusknie hinter der Dame im Beiwagen irritiert mich sehr.)

MZ ES 250/1 mit Lastenseitenwagen

MZ ES 250/1 mit Lastenseitenwagen

Aber ein Motorrad bietet natürlich nicht die Möglichkeiten eines Autos oder Kleinbusses. Um die Lücke wenigstens ansatzweise zu füllen, bot MZ schon früh Beiwagen für seine Zweiräder an. Einerseits natürlich die bekannten Personenbeiwagen, mit denen zur Not eine ganze Kleinfamilie zum Urlaub an die Ostsee oder ins Erzgebirge fahren konnte. Findige Bastler ergänzten diese durch Seitenscheiben, Dächer oder zusätzliche Sitzplätze, um einem Auto noch näher zu kommen. Andererseits gab es für Hand- und Heimwerker die etwas weniger bekannten Lastenseitenwagen (LSW), deren kastenförmiger Aufbau von vielen liebevoll als „Schweinetrog“ bezeichnet wurde.

Ich persönlich fand die Lastengespanne schon immer herrlich. Ein normales Gespann mit Personenboot wirkt in unserer Zeit schon irgendwie skurril, aber ein Lastengespann ist einfach so aus der Zeit gefallen, dass viele sich gar nicht mehr vorstellen können, das es wirklich Handwerker gab, die damit ihren beruflichen Alltag bestritten haben.


Ein Beiwagenrahmen, viele Möglichkeiten

Technisch sind die Unterschiede zwischen den beiden Beiwägen sehr gering. MZ hat auch hier konsequent auf Wirtschaftlichkeit und Einfachheit gesetzt und deshalb ein Baukastensystem angewandt: Der Beiwagenrahmen mit Fahrwerk, Bremse etc. ist identisch, nur der Aufbau unterscheidet sich. Es müssen nur 6 Schrauben gelöst werden, schon kann man das Personenboot vom Beiwagenrahmen heben und durch den „Schweinetrog“ ersetzen – oder umgekehrt. Die Beiwagen-Elektrik wird mit nur einem Stecker angeschlossen, mehr ist für den Umbau nicht nötig. Theoretisch ist der Wechsel des Aufbaus mit 2 Personen in einer Stunde machbar.

Stoßdämpfermontage am Beiwagen

Das Personenboot ist nur mit 6 Schrauben am Rahmen befestigt und lässt sich leicht demontieren.

Rein rechtlich ist der Tausch (normalerweise) auch kein Problem, da in den Fahrzeug-Papieren nur der Beiwagenrahmen mit seiner Nummer eingetragen ist, nicht die Art des Aufbaus. Ein Streitpunkt kann höchstens die Anzahl der Sitzplätze sein. Im Lastenseitenwagen darf natürlich niemand mitfahren, allerdings lassen sich Sitze nachrüsten und dann auch legal nutzen.

Alternativ wäre es natürlich auch möglich, zwei komplette Beiwägen zu nutzen und beim Wechsel auch den Rahmen zu tauschen. Der Vorteil: Man spart sich die (De-)Montage des Aufbaus. Die Nachteile: Man hat zwei Beiwägen, an denen Bremse, Reifen, Fahrwerk und Elektrik in Schuss gehalten werden müssen. Der Tausch des kompletten Beiwagens ist auch nicht viel einfacher als der Tausch des Aufbaus, man muss beide Beiwägen in die Papiere eintragen lassen und obendrein nimmt ein kompletter Beiwagen mehr Platz in der Garage weg. Ich habe mich deshalb dafür entschieden, nur den Aufbau zu tauschen.

Mein Projekt „Lastengespann“ – Der Kauf

Ich habe eine Zeitlang bei eBay und eBay Kleinanzeigen verfolgt, was der Markt hergibt. Das Ergebnis: Einzelne Lastenseitenwägen oder Tröge ohne Rahmen werden nur sehr selten angeboten. Und wenn, dann häufig in miserablem Zustand. Wer einen LSW in gutem bis sehr gutem Zustand will, findet wenig bis garnichts oder nur zu sehr hohen Preisen. Günstiger und einfacher wäre es, ein komplettes Gespann zu kaufen und das Motorrad anschließend wieder zu verkaufen.

Meine Ansprüche an die Optik waren aber nicht so hoch und ich habe deshalb relativ schnell ein passendes Angebot gefunden: Nur der Aufbau ohne Rahmen, das Blech (soweit erkennbar) in gutem Zustand und ohne ernsten Rost, der Holzboden nicht durchgefault, die Elektrik vollständig und auch sonst keine fehlenden Teile. Mit 300 Euro in dem Zustand sogar ziemlich günstig. Jetzt musste das gute Stück nur noch gut 400 km zu mir kommen. Ich hatte keine Lust, deshalb einen Tag auf der Autobahn zu verbringen und habe zum Glück freundliche Hilfe im MZ-Forum gefunden. Ganz vielen Dank an Urban, Chris und Matthieu!

MZ Lastenbeiwagen Lastenseitenwagen Stoye Superelastik

Eine hervorragende Ausgangsbasis!

Die Restaurierung

Ernsthafte Schäden waren nicht zu entdecken, insofern standen keine tiefgreifenden Reparaturarbeiten an. Der „Schweinetrog“ musste nur hergerichtet, aufgehübscht und montiert werden.

Ich habe zuerst die Beleuchtung demontiert und dabei festgestellt, dass die Kunststoffgläser teilweise beschädigt waren. Außerdem finde ich diese Plastikdinger nicht klassisch genug und insgesamt nicht sehr ansprechend. Ich habe mir deshalb 4 kleine Leuchten mit runden Gläsern und Chromringen Edelstahlringen bestellt:

MZ Stoye Beiwagen Lastenbeiwagen Lastenseitenwagen Beleuchtung Blinker

Links die neuen Blinker und Positionsleuchten, rechts die originale Blinkerkappe.

Den teilweise etwas lädierten und rostigen Lack habe ich grob abgeschliffen und alles schwarz angepinselt, damit er zum Rest des Motorrades passt.

MZ Stoye Beiwagen Lastenbeiwagen Lastenseitenwagen

Der Lack ist angeschliffen, der gröbste Rost weg. Es kann losgehen.

MZ Stoye Beiwagen Lastenbeiwagen Lastenseitenwagen

Paint it Black!

Um das Stahlkunst-Purrer-Logo sauber draufsprühen zu können, habe ich mir Schablonenfolie gekauft und das Logo mittels Plotter ausgeschnitten. Für die Seite in groß, für vorne und hinten in klein.

Lackierschablone

So sollte man es übrigens nicht machen: Dadurch, dass ich das Papier nur punktuell festgeklebt hatte, konnte der Sprühnebel unter das Papier gelangen. Das hätte ich verhindern können, wenn ich einfach rundrum mit Klebeband abgeklebt hätte.

Zurrösen für den sicheren Transport

Um meinen Marktstand und andere Dinge sicher transportieren zu können, habe ich Zurrösen montiert. Eigentlich sollten die an die Außenwände, aber dort ist das Blech stellenweise sehr dünn und wackelig, deshalb habe ich sie lieber von unten an den sehr stabilen Boden geschraubt. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie dort nicht ständig am Blech klappern.

3 Stück jeweils an den Ecken von unten und an den gleichen Schrauben auch noch 3 von oben. An der vierten Ecke befindet sich die vordere Rahmen-Aufnahme. Hier kann ich einfach das Rahmenrohr zum Verzurren nutzen.

„Gummipuffer“ als Schutz für die Reling

Da ich plane, den Aufbau für meinen Marktstand oben auf dem Trog zu transportieren, wollte ich den frischen Lack etwas schützen. Ich habe dazu Gummistücke zurechtgeschnitten und Löcher für die Schrauben ausgestanzt.

Gummipuffer als SchutzDie Gummis habe ich jeweils in der Mitte auf die Verbindungsstücke des Rohres geschraubt. Da es sich um einen sehr weichen und nicht wirklich hochwertigen Gummi handelt (mit etwas Kraft kann man ihn einfach durchreißen), haben sich die Schrauben leider in den Gummi gebohrt. Falls sie ausreißen, muss ich von außen noch einen Blechstreifen davorsetzen.

Gummipuffer als SchutzDas Schöne: Es fällt kaum auf. 🙂

Fliegender Wechsel – der Aufbau wird getauscht

Nachdem der Trog fertig war, musste er noch montiert werden. Also habe ich das Gespann unter dem Flaschenzug positioniert und alles gelöst:

  • Die vordere Befestigungsschraube
  • Die vier Schrauben der zentralen Befestigung am Rahmen
  • Die untere Schraube des Stoßdämpfers
  • Das Kabel zum Motorrad
  • Den Bremsflüssigkeits-Ausgleichbehälter, der am Boot befestigt ist

(Ehrlich gesagt hatte ich den Bremsflüssigkeits-Behälter vergessen, was zu ein bisschen Geklecker geführt hat. Immerhin ist alles ganz geblieben und beim nächsten Mal weiß ich Bescheid.)

MZ ES 250/2 Superelastik Beiwagen Gespann Lastenseitenwagen

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist ein Personenbeiwagen!

Das gleiche Spiel umgekehrt mit dem „Schweinetrog“: Den Trog mit dem Flaschenzug anheben, Gespann darunter, absenken und der Reihe nach alles wieder festschrauben und anschließen. Das geschah größtenteils flach auf dem Bauch unter dem Beiwagen liegend und war entsprechend fummelig, aber nach etwa 3 Stunden (für’s erste Mal und ohne Helfer nicht schlecht) war das Gespann fertig. Der Ausleger für die vordere Befestigung musste etwas versetzt werden, sonst hat alles auf Anhieb funktioniert!

MZ ES 250/2 Superelastik Beiwagen Gespann Lastenseitenwagen

Schweinetrog im Anflug!

Fertig ist das Lastengespann

Die erste Probefahrt war mehr als nur positiv: Alles hat super funktioniert und auch mit 2 vollen und 2 leeren Bierkästen im Beiwagen fährt sich das Gespann superleicht und präzise. Das liegt sicher auch daran, dass der Aufbau insgesamt kürzer ist, vor allem vorne fast 50 cm weniger überhängt und das Gewicht dadurch besser verteilt ist.

MZ ES 250/2 Superelastik Beiwagen Gespann LastenseitenwagenMZ ES 250/2 Superelastik Beiwagen Gespann LastenseitenwagenMZ ES 250/2 Superelastik Beiwagen Gespann LastenseitenwagenMZ ES 250/2 Superelastik Beiwagen Gespann LastenseitenwagenSieht toll aus, oder? Es fehlt nur noch eine Plane zur Abdeckung. Die folgt hoffentlich in Kürze.

Teil 1 ist vollbracht: ich habe ein wunderbar funktionierendes MZ-Lastengespann! Jetzt muss daraus nur noch ein Marktstand werden. Mehr dazu in Teil 2.

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