Neue Felgen fahren gut

Mein Racer hatte Probleme beim Fahren: Beim Geradeauslauf mit gleichbleibender Geschwindigkeit fing das Vorderrad an zu hüpfen. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig spür- und sichtbar. In Schräglage fühlte sich die Lenkung unruhig und unpräzise an. Die Probleme waren nicht neu – und ich weiß nicht, ob sie in letzter Zeit wirklich stärker wurden. Aber sie haben mich immer stärker genervt.


Fehlersuche

Meine Vermutung war, dass die Gabel schuld sein könnte. Überdämpft, unterdämpft, verschlissen, lose? Oder auch der Reifen, der möglicherweise Standschäden vom dauerhaften Parken in der Vorderradwippe bekomme hatte?

Also habe ich das Motorrad aufgebockt und mal kräftig an der Gabel gewackelt und am Rad gedreht. Und schon war der Schuldige gefunden: Sowohl Reifen als auch Felge hatten einen beträchtlichen Höhen- und Seitenschlag.

Ich hab das Vorderrad also ausgebaut und in den Zentrierständer gehängt. Hier zeigte sich, dass die Felge insgesamt leicht eierte, aber an 2 Stellen punktuell sehr stark ausschlug. Dazu kam, dass der Reifen nicht gleichmäßig im Tiefbett saß, sondern an manchen Stellen deutlich tiefer als an anderen. Dadurch eierte auch noch der Reifen auf der Felge. In Summe ergab das einen Schlag von mehreren Millimetern, was bei einem so schmalen Reifen natürlich Auswirkungen auf das Fahren hat.

Aufgrund der sehr punktuellen Schläge hatte ich keine große Hoffnung, dass sich das nur mittels Speichen-Spannen rausziehen lässt. Ich habe deshalb den Reifen abgezogen und die Felge genau untersucht.

Hier sieht man eine sehr deutliche Delle im vorderen Felgenhorn – vermutlich die Folge eines tiefen Schlaglochs oder Bordsteinkontakts.

Dazu kamen einige tiefe “Abschürfungen” mit scharfen Kanten am Felgenhorn. Das könnte bei der Reifenmontage passiert sein. Das bekommt man nicht einfach “rausmassiert”. Also habe ich das Rad ausgespeicht:

I wanna see you stripped: Nur noch die Trommelbremse (aus einer Honda CB 350) hängt im Zentrierständer.

Beim flachen Auflegen der Felge auf den Schweißtisch wurde dann auch deutlich, dass die Felge insgesamt stark verzogen war; zwischen Tisch und Felgenunterkante waren stellenweise 5 mm Luft. Noch dazu hatte eine Felgenseite einen sichtbar geringeren Durchmesser als die andere.

Also alles ziemlicher Mist. Es musste eine neue Felge her.

(Die Radnabe bzw. Trommel lief übrigens wunderbar rund und auch die Radlager waren noch tadellos. Hier war also alles bestens.)


Woher bekommt man eine neue Felge?

Die alte Felge stammte laut Aufschrift von “Altenburger”. Eine Firma, über die man sehr wenig im Internet findet. Bis in die 50er stellte sie hauptsächliche Bremsen und Felgen für Fahrräder her, wurde dann von einem Aluminiumwerk übernommen und verschwand irgendwann vom Markt. Zu Motorradteilen findet sich gar nichts, geschweige denn brauchbare Ersatzteile.

Natürlich hätte ich mir einfach eine passende Honda CB 350-Felge besorgen können. Die gibt es gebraucht durchaus zu passablen Preisen, dann aber stets stark verrostet. Oder neu zu deutlich höheren Preisen. Das Problem ist aber: Die sind immer aus verchromtem Stahl. Meine Räder sind aber aus gebürstetem Alu und das soll auch so bleiben. 🙁

Eine MZ-Felge passt leider nicht, weil die Bremsen dort kleiner und anders geformt sind. Dadurch ist der Speichenwinkel ein anderer. Man hätte die Bohrungen in der MZ-Felge natürlich aufbohren können, aber das wäre arg “russisch”, sicher nicht TÜV-konform und mir ehrlich gesagt auch zu riskant.


Ich lasse mir eine Felge bohren

Ich habe also ein bisschen gesucht und bin letztlich bei Walmotec gelandet. Meine Anfrage wurde überraschend schnell und ebenfalls überraschend günstig beantwortet: Ca. 170 Euro sollte eine neue Flachschulterfelge aus Alu in 185×18 mit 36 passend gebohrten Löchern kosten. Inklusive Versand und innerhalb von knapp einer Woche geliefert.

Klar, eine gebrauchte oder nachgefertigte MZ-Felge bekommt man billiger, aber für eine Maßanfertigung “made in Germany” fand ich den Preis ziemlich fair. Zumal die gelieferte Felge auch wirklich tadellos war und sich einfach zentrieren ließ.

Ich habe sie mit geringem Aufwand deutlich unter 1 mm Höhen- und Seitenschlag bekommen und auch der Reifen rutschte sofort perfekt in Position. Eine Wuchtung wäre eigentlich nicht nötig gewesen, aber ich hatte gerade ein passendes Gewicht zur Hand.


Die Probefahrt

Wie erhofft ist das “Gehüpfe” auf gerader Strecke komplett verschwunden. Und auch in schnell gefahrenen Kurven liegt das Vorderrad ruhiger auf der Straße. Wirklich überrascht hat mich aber, dass auch das Lenkerflattern bei über 100 km/h komplett verschwunden ist! Das hat mich von Anfang an begleitet und immer stark verunsichert. Ich war mir sicher, dass es an den schmalen Lenkerstummeln und der veränderten Rahmengeometrie lag (verlängerte Gabel, längerer Tank, nach hinten verlegte Sitzbank und Fußrasten). Aber anscheinend lag es all die Jahre “nur” am unrund laufenden Vorderrad.

Natürlich verwandelt die neue Felge das Motorrad nicht plötzlich in ein ganz anderes. Es hat noch immer ein verwindungsfreudiges und “kippeliges” Fahrwerk, das viel Führung und Leidensfähigkeit verlangt. Die Gabel schlägt bei stärkeren Unebenheiten immer noch durch und das Heck sowieso.

Trotzdem bedeutet die neue Felge eine deutliche Verbesserung. Ich bereue fast, die Ursache für all die Probleme nicht schon früher gesucht zu haben. 🙂

Und auch optisch passt die Felge fast perfekt zum MZ-Hinterrad, denn das Felgenprofil ist annähernd identisch. Einziges Manko ist, dass die angeblich “gebürstete” Felge ziemlich glänzt. Bei mir würde das glatt als poliert durchgehen. Mal schauen, ob die von sich aus noch etwas matter wird, oder ob ich mit einem Stück Schleifvlies nachhelfen muss.

 

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